Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben in Deutschland eine ganz eigene Form von Infrastrukturpolitik erfunden. Wir wollen alles, was eine moderne Volkswirtschaft angenehm macht: internationale Unternehmen, günstige Flüge, Weltleitmessen, bezahlbare Wohnungen, künstliche Intelligenz, digitale Souveränität, grünen Strom und natürlich Arbeitsplätze. Mit den Dingen, die all das physisch möglich machen, fremdeln wir allerdings zunehmend. Die Infrastruktur sollte am besten geräuschlos, unsichtbar, emissionsfrei, stromlos, flächenneutral und möglichst hinter dem Horizont stehen. Im Zweifel gerne in der Nachbarkommune. Oder in Frankreich. Hauptsache, Amazon liefert trotzdem morgen.

Der aktuelle Anlass liegt direkt vor unserer Haustür. Der Flughafen Düsseldorf möchte seine vorhandenen Kapazitäten flexibler nutzen. Der Deckel von 131.000 Flugbewegungen in den sechs verkehrsreichsten Monaten soll bestehen bleiben, gleichzeitig sollen in nachfragestarken Stunden bis zu 60 statt bislang 47 Bewegungen möglich sein. Vier Städte, darunter Neuss, stellen sich gegen die Pläne. Die Sorge vor stärker konzentriertem Fluglärm ist real und muss ernst genommen werden. Aber wer nur über Lärm spricht und den Nutzen dieser Infrastruktur aus der Rechnung streicht, macht es sich ungefähr so einfach wie jemand, der sein Steak bestellt und anschließend den Metzger wegen Tierhaltung anzeigt.

Der Flughafen ist großartig. Solange dort niemand fliegt.

Die Rheinregion lebt von ihrer Erreichbarkeit. Düsseldorf hat einen internationalen Flughafen, eine große Messe, einen starken Wirtschaftsraum und seit September eine neue Verbindung, mit der Messegäste in rund sieben Minuten vom Terminal zum Eingang Nord kommen. Die Messe nennt das völlig zu Recht einen Standortvorteil auf Weltklasse Niveau. Neuss sitzt unmittelbar daneben und profitiert mit. Unternehmen siedeln sich nicht deshalb an, weil der Rhein besonders hübsch glitzert, sondern weil Kunden, Mitarbeiter und Geschäftspartner die Region erreichen können.

Genau deshalb ist die Debatte ein schönes Beispiel für unsere inzwischen ziemlich perfektionierte Doppelmoral. Im Standortprospekt ist der Flughafen hervorragend. In der konkreten Betriebsfrage wäre es schöner, wenn die Flugzeuge möglichst nicht so oft starten. Internationale Messe? Unbedingt. Internationale Anreise? Natürlich. Turbinen? Könnten wir die vielleicht klimaneutral auf stumm schalten? Wenn es irgendwann einen Flughafen gibt, auf dem keine Flugzeuge mehr fliegen, sollten wir ihn aus Gründen des Anwohnerschutzes sofort zum deutschen Modellprojekt erklären.

Das heißt ausdrücklich nicht, dass jeder Wunsch des Flughafens richtig ist oder Anwohner ihre Belastung einfach hinnehmen müssen. Die entscheidende Frage ist nur eine andere: Sind wir noch bereit, Nutzen und Belastung gemeinsam zu betrachten? Oder erklären wir jeden lokalen Nachteil automatisch zum übergeordneten Argument gegen die Infrastruktur, von der dieselbe Region wirtschaftlich lebt?

In Grefrath brauchen wir Wohnungen. Nur diese hier offenbar nicht.

Dasselbe Schauspiel funktioniert beim Wohnungsbau. In Grefrath sollten an der Lüttenglehner Straße auf einer Brachfläche 50 bis 54 Wohnungen, betreutes Wohnen beziehungsweise Tagespflege, eine Kita, Einzelhandel und Büros entstehen. Also ziemlich genau die Mischung, die in jeder Sonntagsrede unter den Schlagworten Wohnraummangel, demografischer Wandel und kurze Wege zuverlässig Applaus bekommt. Dann kam die Bürgerbeteiligung, die Kritik an Dimension und Gestaltung wurde deutlich, und der Bürgermeister stoppte die Planung zunächst. Zusätzlich sollten Schützenwesen und Sport vor heranrückender Wohnbebauung geschützt werden.

Man kann all diese Einwände nachvollziehen. Nur haben wir beim Wohnungsbau inzwischen ein mathematisches Problem: Wir brauchen dringend Wohnungen, aber nicht diese. Das nächste Projekt ist zu hoch, das übernächste zu dicht, beim dritten fehlen Parkplätze und beim vierten gibt es zu viele davon. Am Ortsrand stört die Landschaft, im Ortskern die Verdichtung. Wer diese Schleife oft genug dreht, bekommt am Ende eine wunderschön abgestimmte Stadtentwicklung ohne störende Neubauten. Danach lädt man zum Wohnungsgipfel und wundert sich über die Mieten.

Das ist der Kern des Problems: Jeder einzelne Einwand kann vernünftig sein. In der Summe können vernünftige Einzelentscheidungen trotzdem ein ziemlich unvernünftiges Gesamtergebnis produzieren. Wenn jeder Ortsteil überzeugend erklären kann, warum die dringend benötigten Wohnungen ausgerechnet dort nicht gebaut werden sollten, verschwindet der Wohnraummangel nicht. Er bekommt nur ein sehr ausführliches Protokoll.

MAOAM: Erst 300 Millionen Euro, dann eben doch nicht

Und dann haben wir Holzheim. 2024 wurde das geplante neue HARIBO Werk noch als großer Erfolg für den Wirtschaftsstandort gefeiert. Rund 300 Millionen Euro Investition, 14 Hektar Fläche, ein modernes Werk und bis zu 100 zusätzliche Arbeitsplätze standen im Raum. 2025 gab es eine frühzeitige Bürgerbeteiligung, 2026 wegen der fortentwickelten Planung noch einmal eine Beteiligung und eine Informationsveranstaltung. Ende September war das Projekt dann weg. HARIBO erklärte, die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen hätten sich grundlegend verändert, Baumaterialien seien teurer geworden und ein Projekt dieser Größenordnung brauche einen verlässlichen Zeit und Kostenrahmen. Das Unternehmen betonte gegenüber dem WDR ausdrücklich auch das konstruktive Engagement der Stadt Neuss.

Deshalb wäre es billig und falsch, jetzt zu behaupten, die Bürgerbeteiligung habe das Werk verhindert. Dafür gibt es keinen Beleg. Die Geschichte zeigt aber etwas anderes sehr deutlich: Große Investitionen leben nicht in einem kommunalpolitischen Vakuum. Unternehmen rechnen mit Zeit, Kosten, Risiko und Planungssicherheit. Sie warten nicht aus Heimatliebe zehn Jahre darauf, dass irgendwann alle Häkchen gesetzt sind. Wenn sich währenddessen die Welt verändert, wird neu gerechnet. Und manchmal lautet das Ergebnis eben: Danke, war nett, wir modernisieren lieber das bestehende Werk.

Auch das gehört zur Infrastrukturdebatte. Wir können Verfahren immer weiter verfeinern, Beteiligungsschleifen drehen und jede denkbare Auswirkung in eine Matrix schreiben. Rechtsstaatliche Planung ist wichtig. Bürgerbeteiligung ist wichtig. Aber Zeit ist ebenfalls ein Wirtschaftsfaktor. Wer glaubt, Investoren würden geduldig auf dem Flur sitzen, während Deutschland noch einmal die Tagesordnung abstimmt, könnte irgendwann feststellen, dass der Investor inzwischen woanders baut.

Unsere KI wohnt leider nicht im WLAN Router

Am schönsten wird die Sache allerdings bei künstlicher Intelligenz. Deutschland soll bei KI aufholen, Europa soll digital souveräner werden, Unternehmen sollen neue Modelle einsetzen, Behörden sollen digitalisieren und unsere Daten sollen möglichst in Europa bleiben. Das unterstütze ich alles. Es gibt nur ein technisches Detail, das in vielen politischen Debatten erstaunlich wenig Charme entfaltet: Unsere KI wohnt leider nicht im WLAN Router.

ChatGPT läuft nicht in der Fritzbox. KI braucht Rechenleistung, Rechenleistung braucht Rechenzentren und Rechenzentren brauchen Grundstücke, Glasfaser, Umspannwerke, Netzkapazität und sehr viel Strom. Das Bundeswirtschaftsministerium beziffert den Strombedarf deutscher Rechenzentren und kleinerer IT Installationen für 2024 auf rund 20 Terawattstunden und erwartet bis 2030 etwa 31 Terawattstunden. Im Rheinischen Revier wird deshalb ganz bewusst über Digitalparks und Hyperscale Rechenzentren gesprochen. Der ehemalige Kraftwerksstandort Frimmersdorf soll zu einem Digital und Innovationsstandort werden. Genau dort gibt es Netzinfrastruktur, Flächen und die Chance, aus einem alten Energiestandort einen neuen Technologiestandort zu machen.

Gleichzeitig lässt sich andernorts beobachten, was passiert, sobald ein Rechenzentrum tatsächlich vor der Haustür auftaucht. In Fredersdorf Vogelsdorf bei Berlin unterschrieben rund 1.000 Menschen eine Petition gegen ein geplantes Rechenzentrum. Befürchtet wurden unter anderem 28 Meter hohe Gebäude, Verkehr und eine Verschandelung des Ortsbildes. Auch das sind reale Interessen. Nur bleibt die Rechnung dieselbe: Wenn Rechenzentren grundsätzlich richtig, aber an jedem konkreten Standort falsch sind, stehen sie am Ende nicht in Deutschland.

Dann können wir weiter über digitale Souveränität diskutieren, während die Rechenleistung in Virginia, Irland oder Skandinavien steht. Hauptsache, die deutsche KI ist unabhängig. Von Deutschland.

Das ist ungefähr so, als würde man sich jeden Abend über schlechtes WLAN beschweren und am nächsten Morgen die Glasfasertruppe vom Bürgersteig jagen, weil sie Löcher macht. Wir möchten die Leistung, aber mit der Herstellung derselben möchten wir bitte nichts zu tun haben.

Wir bestellen Wohlstand. Der Lieferwagen darf nur nicht durch unsere Straße fahren.

Und damit sind wir beim größeren deutschen Problem. Wir reden gerne über Ergebnisse und erstaunlich ungern über deren Voraussetzungen. Mehr Bahnverkehr klingt hervorragend, neue Trassen weniger. Mehr grüner Strom ist selbstverständlich richtig, neue Windräder und Leitungen sind kompliziert. Mehr Industriearbeitsplätze brauchen wir dringend, nur Industrie braucht leider Flächen, Energie und Lastwagen. Mehr Wohnungen sind unverzichtbar, nur die Baustelle sollte woanders sein. Mehr KI ist Zukunft, nur das Rechenzentrum verbraucht Strom. Mehr internationale Erreichbarkeit ist ein Standortvorteil, aber Flugzeuge machen Lärm.

Das alles kann man einzeln begründen. Genau deshalb ist es politisch so bequem. Niemand ist gegen Wohnraum, man ist nur gegen dieses Projekt. Niemand ist gegen die Energiewende, man ist nur gegen diese Leitung. Niemand ist gegen Digitalisierung, dieses Rechenzentrum passt bloß leider nicht. Niemand ist gegen den Flughafen, nur diese zusätzlichen Bewegungen sind jetzt wirklich zu viel. Und wenn man oft genug nur gegen das jeweils konkrete Projekt ist, hat man irgendwann eine ziemlich konsequente Politik gegen nahezu alles, ohne jemals grundsätzlich Nein gesagt zu haben. Das ist fast schon elegant.

Vielleicht liegt darin ein Teil des deutschen Stillstands. Wir haben politische Prozesse gebaut, in denen praktisch jedes abstrakte Ziel Zustimmung findet und jede konkrete Umsetzung neue Gegner produziert. Am Ende gewinnt häufig nicht das beste Gesamtergebnis, sondern die Gruppe, die den unmittelbarsten Nachteil am glaubwürdigsten beschreiben kann. Das ist menschlich verständlich. Es ist aber kein Konzept für ein Land, das gleichzeitig digitalisieren, dekarbonisieren, industrialisieren und Wohnraum schaffen möchte.

Politik muss deshalb irgendwann wieder den Mut haben, einen ziemlich unpopulären Satz auszusprechen: Ja, dieses Projekt hat Nachteile. Ja, einige Menschen werden davon stärker belastet als andere. Wir versuchen diese Belastungen zu begrenzen. Aber wir brauchen die Infrastruktur trotzdem. Wenn dieser Satz grundsätzlich nicht mehr möglich ist, können wir uns viele Zukunftsstrategien sparen. Dann schreiben wir lieber gleich dazu: Umsetzung nur, sofern niemand etwas davon bemerkt.

Deutschland möchte Weltmarktführer bei Technologien werden, deren Fabriken wir nicht sehen wollen, mit Strom, dessen Leitungen wir nicht sehen wollen, in Gebäuden, die wir nicht sehen wollen, für Kunden, die bitte mit Verkehrsmitteln anreisen, die wir möglichst nicht hören wollen. Man muss diese Form von Fortschritt nur konsequent genug zu Ende denken, dann verschwindet irgendwann auch der Fortschritt.

Und damit zurück nach Neuss. Natürlich soll die Stadt die Interessen der Menschen vertreten, die unter Fluglärm leiden. Natürlich muss Grefrath nicht jeden Investorenentwurf schlucken. Natürlich war das Ende des HARIBO Neubaus nicht das Ergebnis einer einzigen kommunalen Entscheidung. Aber vielleicht sollten wir bei jeder dieser Debatten zusätzlich eine zwingende Frage stellen: Wenn wir diese Infrastruktur hier nicht wollen, wo genau soll sie dann hin?

Wo sollen die Wohnungen entstehen? Wo die Industrie? Wo die Rechenzentren? Wo die Windräder? Wo die Stromleitungen? Und wie viel Flughafen wollen wir eigentlich haben, wenn wir gleichzeitig von internationaler Messe, Wirtschaftskraft und Erreichbarkeit profitieren wollen?

Wenn die Antwort jedes Mal „nicht hier“ lautet, ist das wenigstens konsequent. Dann sollten wir aber auch aufhören, uns darüber zu wundern, dass andere Regionen schneller wachsen, andere Länder schneller bauen und Investitionen irgendwann dort landen, wo ein Projekt nicht erst einen gesellschaftlichen Jakobsweg absolvieren muss.

Vermutlich gründen wir dann eine Expertenkommission zur Frage, warum Deutschland bei Infrastruktur und Wachstum zurückfällt. Die Sitzung findet hybrid statt. Über eine amerikanische Cloud. Die Teilnehmer kommen mit dem Flugzeug. Und irgendwo weit weg läuft das Rechenzentrum.

Quellen und Einordnung

Die Beispiele zeigen unterschiedliche Zielkonflikte. Sie beweisen nicht, dass Bürgerbeteiligung oder lokaler Widerstand grundsätzlich falsch wären. Beim HARIBO Projekt nennt das Unternehmen selbst weltwirtschaftliche Veränderungen, Baukosten und fehlende Planungssicherheit als Gründe für die Aufgabe und hebt das konstruktive Engagement der Stadt hervor. Gerade deshalb ist der Fall als Beispiel für die allgemeine Bedeutung von Zeit, Kosten und Investitionssicherheit zu verstehen und nicht als Behauptung, die Bürgerbeteiligung habe den Neubau verhindert.